Presseartikel vom 31. Mai 2007 in den Husumer Nachrichten

Knatternde Schmuckstücke (PDF-Datei ca. 450 kb)

Maschine an, Helm auf - sich wieder fühlen wie 16

Hochdrehendes Geknatter, blau-weiße Qualwolken und der unverwechselbarer Geruch verbrannten Zweitaktgemischs steigen beim Surfen auf den Kreidler-Internetseiten plastisch aus der Erinnerung auf. Urplötzlich ist es wieder da, dieses Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit: Maschine an, Helm auf und los geht’s.

 Der Internetbesuch katapultiert Bert Paulsen 1999 zurück in seine Sturm- und Drangzeiten der„wilden“ 80er Jahre:„Mir war plötzlich sonnenklar, der ‚Kreidler-Moped-Virus’ hat mich immer noch am Wickel – Der Virus, von dem ich als Jugendlicher infiziert wurde, würde mich nicht mehr loslassen“, erinnert sich der Hattstedter.

Das Aha-Erlebnis hat Folgen: Paulsen macht sich auf die Suche nach einer Kreidler-Florett 80 wie jener, die er als 16jähriger gefahren hat. Er lässt nicht locker bis er schlussendlich auf passgenaue Teile für das Grundmodell im Internet stößt: „Da habe ich sofort zugeschlagen und sie dann Stück für Stück mit sehr viel Liebe restauriert,“ erzählt der Nordfriese strahlend .

 Dieser mohnrot glänzende Flitzer mit sorgsam blankpolierten Chromteilen wird denn auch der Beginn einer unendlichen Sammelleidenschaft, die eben anders geartet ist, als Briefmarken, Bierdeckel oder Blechspielzeug zu sammeln: Die Objekte der Begierde sind pflegeintensive, kleine Kraftpakete. Maschinen, wie Paulsens’ Kreidler-Florett, die in den 70er und 80er Jahren gelaufen ist, sind inzwischen Kult. Ganz zu schweigen von Wert der Prachtexemplare. Die Leichtkrafträder, die vor rund 30 Jahren um jede Straßenecke knatterten sind heute rar geworden. Kaum einer hätte sich damals vorstellen können, dass sein kleiner, stinkender Zweitakter einmal zum Mythos der Führerscheinklasse 4 werden würde. Wer damals solch ein Moped hatte und es heute sieht, bricht in helle Begeisterung aus: “Oh, so was hatte ich auch mal - Mensch weißt Du noch…“ und sofort wird die Zeit mit den Kumpels in MQP-Jacken auf den knatternden, qualmenden Kisten wieder lebendig: „Die Mopeds sind wie eine Zeitmaschine; Helm auf, Maschine an, du setzt dich drauf und bist wieder 16“ versucht Bert Paulsen das Phänomen, das er aus eigner Erfahrung kennt, greifbar zu machen.

Ganz abgesehen vom materiellen Wert, sind die Schätze für den Hattstedter ein Stück Lebensgeschichte Mit den kleinen heißen Öfen lebt seine Jugendzeit wieder auf. Gerne lässt er sich davon einholen:1968 kommt er in Hattstedt zur Welt. In Kindertagen hat Klein-Bert eher Spaß an Angeln und Fußball- für Technik interessiert er sich weniger. Um in die Schule nach Husum und später in den Lehrbetrieb nach Ahrenshöft zu kommen ist Mobilität gefragt. Das erste selbstverdiente Moped ist Mittel zum Zweck, um vom A nach B zu kommen. Zugleich fasziniert der unterschwellige Geschmack von Unabhängigkeit und Freiheit den eigenwilligen Jugendlichen.

 Das ist die Zeit der Hattstedter und Nordstrander Moped-Gang mit Jörg Jargsdorf, Volker Scheffler, Stefan Thelemann, Arne Andresen, Wolfgang Petersen, Bernd Uwe Scheel und den Maart-Brüder. Alle hatten Spaß am Geknatter und am Gestank ihrer Flitzer. Mit den gerade mal 6,25 PS der so genannten Schnapsglasklasse mit gut 100 Sachen übers Land zu düsen, war für die Jugendlichen der besondere Reiz. „Wer Kreidler oder Zündapp fuhr war damals schon so was wie ein kleiner König“, skizziert Paulsen das Zeitgefühl der Szene. Die Polizei hatte ihre liebe Not den frisierten Kreidlers, Zündapps, Herkules Ultras oder Puch Cobras der Jungs auf die Spur zu kommen.

Als 18jähriger verkauft der Moped-Fan schweren Herzens seine Maschine zugunsten eines Autos; Moped fahren ist zu teuer geworden. Doch schon 1989 klopft der Moped-Virus mit einer Zündapp erneut bei Paulsen zaghaft an – keine Chance – der Mann hatte andere Pläne: Meisterprüfung; Firmengründung 1995, Hausbau und Familiengründung.

Zehn Jahre später erwischt das Moped-Fieber den Familienvater von drei Kindern richtig. Er sammelt, er schraubt und knüpft Kontakte zur alten Szene. Zum Erfahrungsaustausch und für gemeinsame Ausfahrten gründet Paulsen die Kreidler - Wikinger - Schleswig -Interessengemeinschaft.

Das Sammlerfieber hat den 38jährigen Moped-Freak nicht mehr verlassen – seine sechszehn tipptopp restaurierten und polierten 50 und 80 Kubikzentimeter Kreidler und Zündapp Mopeds warten nur darauf, aus ihrem Winterschlaf in gepflegter, wohltemperierter Atmosphäre geweckt zu werden: Nix wie raus - sich wieder das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit der 80er um die Nase wehen lassen.


Text + Fotos: Susanne Steyer-Werner, Home: www.zeitzeichen-biografien.de Hattstedt vom 4.12.2004